Samstag, 20. Juni 2009

Der Schicksalstag

Die Hauptquartier war Heute in die UdK (Universität der Künste) verlegt worden, um dort in einem Wekrstatt in Ruhe das Leittranspi malen zu können. Ich stiess 18:30 Tehraner Ortszeit dazu. Die Demo war für 16:00 angesetzt worden, auf dem großen "Platz der Freiheit". Nach den ersten Meldungen sind es nicht zählbare Massen, die dahin strömen und sehr viel Polizei. Eine wirkliche Demo oder Kundgebung kann sich nicht formieren, so streuen die Massen in die Stadtteile, wo die kleinen Schlachten mit der Polizei laufen. Demos und Ausschreitung werden auch in anderen Großsstädten gemeldet. Von Mussawi hatte man bis dahin nix gehört. Seine Frau hatte über Facebook erklärt, dass sie kommt, und dass viele viele aus den Vororten und Provinzen unterwegs sind, um sich anzuschliessen. Sie ist nicht nur die erste wirklich große Politikerin Irans, die in einer revolutionären Situation geboren wird, sondern auch eine Meisterin der psychologische Kriegsführung. Es ist sehr auffällig, wie stark weiblich die Revolte ist, im Tehran und hier.
Kurz nach dem ich in der UdK angekommen bin, kommt die Hammer-Nachricht: Mussawi spricht nicht nur auf der Strasse: er sagt, er hat das Märtyrer-Ceremonie begangen - er bereitet sich darauf vor, für die Sache zu Sterben! Die Spaltung der Eliten ist nicht mehr zu kitten, es gibt kein zurück mehr, kein Deal, kein Ausverkauf. Und Chamenei allein kann den Pinochet nicht machen.
Die Ausschreitungen halten an. Am Ende hat es laut meinem Onkel 20-30 Tote gegeben. Aber die Leute haben zurückgeschlagen - den ganzen Tag, sie wurfen auch Steine, entwaffneten und schlugen Riot-Cops, und setzen ihre Motorräder oder Busse in Brand. Revolutionen gewinnt man nicht in einer Woche, schon gar nicht in einem Tag - aber dieser 20. Juni hat das Rückrat des Systems gebrochen. Sie können, auch wenn es der geistige Führer befiehlt, die Strassen nicht ruhig, und erst recht nicht leer halten. Es ist zu erwarten, sagt mein Papa, dass erstmal vieleicht paar tage Demoruhe sein wird, und die Proteste sich auf den Dächern fortsetzen. So war es in den letzten Tagen des Shah-Regimes: jede Nacht Parolen auf dem Dach, und dann immer wieder krasse Demos, bis dann die Streiks in der Ölindustrie begannen.
So bin ich eigentlich ziemlich gut drauf und surfe permanent in der im HQ, wo wie immer ein Gewusel ist. Ein angestztes Treffen um 17:00 findet gar nicht statt, und das Leittranspi wird von einem UdK-Studi völlig verhunzt, der meint hier abstrakte Malerei abziehen zu müssen. So um 8 berliner Zeit kommt dann ein Video auf Facebook von H. Er ist ein Aktivist der Studentenrevolte 1999, lange Journalist, und oft im Gefängnis, und seit kurzem hier anerkannte Flüchtling. Er ist so ne Art One-Man-Nachrichtenagentur und sein Facebook so ne Art dpa der Bewegung. In diesem Video wird ein Mädchen Anfang 20 auf einer Demo im Herz getroffen und stirbt langsam vor der Camera. Ich merke es erst später, worum es geht, nur immer wieder ist eine komische Stimmung vor dem hinteren Laptop, und immer wieder brechen Leute ins Heulen. Als S. dieses Video sieht, wird sie ganz anders, sie ist danach nicht mehr so recht ansprechbar.
Sowohl ritualisierte als auch individualisierte Trauer sind in der iranischen Kultur sehr bestimmend. S. sagte mir gestern, sie ist Archäologin und ist seit 5 Monaten für ihre Dissertation hier, dass die Eroberung Persien durch die Mongolen und den Araber die entscheidenden Zäsuren hierfür waren. Und als sie mit feuchten Augen mit mir vor dem Raum eine raucht, gesteht sie mir, und bringt sich als Beleg, eine kollektive Depression der iranischen Gesellschaft. "Wie kannst Du nicht depressiv werden, wenn Du 30 Jahre lang als Blume nicht blühen darfst", fragt sie, bevor sie von M., unser Social-Integrator und Host in Steglitz reingezogen wird, weil irgendwo auf Facebook ein sehr lustiges Schimpfvideo aufgetaucht ist. Das ist mir in letzten Tagen schon aus den Erzählungen von den Telefonaten mit Iran aufgefallen: es ist eine Revolte voller entschiedenheit aber auch voller Depression. Die Leute tragen so tiefe Spuren von Verletzungen, so dass sie sehr ängstlich sind, aber wissen, dass sie nicht mehr zurück wollen, denn ein zurück gibt es nicht - wenn sie verlieren, wird es noch sehr viel dunkler. Viele Facebookeinträge klangen nach einem Testament, meinte H.; Mussawi ist mit seine Schwur nicht allein.





H. - irna der Bewegung

2 Kommentare:

  1. Liebe Peddy, liebe Iraner!

    Die ganze freie Welt ist bei Euch und hofft, daß das iranische Volk seine Freiheit erkämpfen wird.
    Ich bin mir sicher, daß sie sich Eurem Freiheitskampf sukzesive anschließen wird.
    Get up, stand up - don´t give up the fight!!!

    Lixone, Köln

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  2. Hi Pedram,
    Grüße aus Lübeck von Av.-HL!
    Pass auf dich auf und komme heil zurück!

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